Wandel mit Weitblick – Plattformen als neue Geschäftsmodelle
Die Versicherungsbranche bewegt sich in einem Marktumfeld, das zunehmend durch Veränderungen geprägt ist. Wenn diese Veränderungen nicht nur kurzfristiger Natur sind, sondern auf eine tiefgreifende und langfristige Entwicklung hinweisen, werden sie als Megatrends bezeichnet.
Megatrends verändern unsere Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg, wirken global und beeinflussen nahezu alle Lebensbereiche. Dabei lassen sich Megatrends, wie z.B. die vermehrte Konnektivität, der demografische Wandel oder ein steigendes Gesundheitsbewusstsein nicht isoliert betrachten – sie beeinflussen sich gegenseitig und prägen dabei das Verhalten von Kunden, ändern Wettbewerbsstrukturen oder führen zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Megatrends können daher als strategischer Kompass für Unternehmen betrachtet werden.
Im vorliegenden Beitrag wird ein solches Trendthema aufgegriffen: Die Plattform-Ökonomie. Ziel des Beitrags ist es, das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln einzuordnen und neue Impulse, aber auch Ansätze für weitere Diskussionen zu geben.
Plattform-Ökonomie – Bedeutender Trend für die Versicherungsbranche?
Unter dem Trendthema Plattform-Ökonomie versteht man Geschäftsmodelle, in deren Zentrum digitale Plattformen stehen, die als Schnittstelle zwischen verschiedenen Akteuren fungieren, Angebot und Nachfrage zusammenbringen und so zwischen Nutzergruppen vermitteln. Die digitale Plattform stellt dabei die technische Infrastruktur und bestimmt die Regeln für die Interaktion der einzelnen Nutzergruppen.
Nutzergruppen – also Kunden und beteiligte Unternehmen – bilden gemeinsam ein sogenanntes Ökosystem, wobei Unternehmen verschiedene Rollen einnehmen können, die sich insbesondere durch ihren Grad der Beteiligung, der Kontrollmöglichkeiten und der strategischen Ambition unterscheiden:
- Orchestratoren: Sie übernehmen die strategisch anspruchsvollste Rolle, da sie die digitalen Plattformen initiieren, steuern und weiterentwickeln. Darüber hinaus verantworten Sie das Partnermanagement und die Regeln des Ökosystems.
- Schlüsselpartner: Im Gegensatz zu reinen Teilnehmern bringen sie sich aktiv in die Plattformmodelle ein und decken einen wesentlichen Teil der Wertschöpfung des Ökosystems mit ihren Produkten und Dienstleistungen ab.
- Teilnehmer: Sie agieren eher reaktiv, nehmen eine beobachtende Rolle ein und sind nicht systemrelevant, können das Plattformangebot mit ihren eigenen Produkt- und Servicelösungen aber sinnvoll erweitern.
Bekannte und überaus erfolgreiche Modelle solcher digitalen Plattformen lassen sich vor allem im Versand- und Onlinehandel oder in der Reisebranche finden, aber auch in der Versicherungsbranche gewinnen Plattformlösungen sprunghaft an Bedeutung, wie die folgenden Beispiele zeigen: Vergleichsportale fungieren bereits heute als „Gatekeeper“ und beeinflussen so Entscheidungsfindungsprozesse der Versicherungskunden. InsurTechs übertragen die Plattformlogik auf Leistungen wie die Schadenregulierung oder die Vertragsverwaltung und bauen so gänzlich neue Lösungsräume auf und auch das Konzept der Embedded Insurance setzt bei der Integration von Versicherungsleistungen in Produkte und Services anderer Branchen an.
Passend dazu liefern wir in der aktuellen Studie „Embedded Insurance – gehypte Nische oder Zukunft des Versicherungsvertriebs?“ gemeinsam mit dem InsurLab Germany e.V. und der Universität St.Gallen (HSG) spannende Ergebnisse auf die Frage, wie eingebettete Versicherungen den Vertrieb verändern. Die vollständige Studie steht zum Download auf unserer Website bereit: Embedded Insurance.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Versicherer derzeit vor der Aufgabe stehen, das Trendthema Plattform-Ökonomie zu betrachten und ihre eigene Position in plattformbasierten Wertschöpfungsketten zu bestimmen. Was bedeutet das für Sie – würden Sie sich eher als Orchestrator, als Schlüsselpartner oder als Teilnehmer sehen?
Versicherer in Ökosystemen – Suche nach der passenden Rolle
Plattform-Ökonomie kann als Schnittstellenthema bezeichnet werden, das durch verschiedene Megatrends getragen wird und seinerseits Einfluss auf deren Ausgestaltung nimmt. Zentrale Megatrends sind dabei sicherlich die Konnektivität und die Individualisierung sowie neue Arbeitswelten. Plattform-Ansätze können Antworten auf verschiedene komplexe Veränderungen geben und versprechen zudem Wachstumschancen, stellen Versicherer aber zugleich vor neue strategische und operative Schwierigkeiten. Potenziale und Herausforderungen im Kontext der Plattform-Ökonomie müssen Versicherungsunternehmen bekannt sein, bevor sie die eigene Positionierung in einem digitalen Ökosystem definieren.
Ausgewählte Potenziale:
- Reichweite & Skalierung: Über Plattformen lassen sich neue Kundengruppen erschließen – schnell, gezielt und kosteneffizient
- Kollaboration & Innovation: Kooperationen mit Orchestratoren, Schlüsselpartnern, branchenfremden Akteuren oder InsurTechs erweitern die eigenen Möglichkeiten und eröffnen neue Innovations- und Lösungspfade
- Datenzugang & -nutzung: Plattformen generieren umfassende Nutzungsdaten, die für die Produktentwicklung und Risikobewertung genutzt werden können
Ausgewählte Herausforderungen:
- Zugangs- & Kontaktverlust: Versicherer laufen Gefahr, den direkten Zugang zum Kunden zu verlieren – insbesondere, wenn Plattformen als „Gatekeeper“ agieren
- Abhängigkeiten & Machtverhältnisse: Plattformanbieter definieren zunehmend die Spielregeln – z.B. auch bei der Datenhoheit oder dem Kundenerlebnis
- Anschlussfähigkeit & Kosten: Nicht alle Versicherer verfügen über die IT-Infrastruktur, um in Plattformen integriert zu werden oder selbst eine Plattform aufzubauen. Die Umsetzung kann mit erheblichen Kosten verbunden sein
Versicherer, für die die Potenziale der Plattform-Ökonomie überwiegen, stehen schließlich vor der strategischen Entscheidung, welche Rolle sie in einem Ökosystem einnehmen wollen – die Rolle des Orchestrators, des Schlüsselpartners oder die eines Teilnehmers?
Als Orchestrator haben sie die Möglichkeit, eine digitale Plattform oder ein Ökosystem nach den eigenen Vorstellungen aufzubauen – sie behalten die volle Kontrolle über die Kundenschnittstellen, sehen sich aber auch einem entsprechend hohen Investitionsbedarfs gegenüber. In der Rolle eines Schlüsselpartners entstehen keine hohen Kosten für den Aufbau einer Plattform und dennoch können Versicherer durch die Integration in ein bestehendes Ökosystem einen Zugang zu neuen Märkten erhalten, stehen in der Folge aber in der Abhängigkeit der Orchestratoren. Sollte lediglich eine beobachtende Rolle als Teilnehmer eines Ökosystems infrage kommen, bleibt der Fokus auf dem eigenen Kerngeschäft mit der Möglichkeit über die digitalen Plattformen neue Kunden anzusprechen – durch die eher passive Rolle kann es im Ökosystem aber auch zu einem Relevanzverlust des Versicherers kommen.
Welche Strategie sinnvoll ist, hängt von der Ambition, der Ausgangslage und den Ressourcen des Versicherers ab. Die möglichen Rollen müssen dabei jedoch nicht per se gleichbleibend sein – Versicherer sollten vielmehr die strategische Relevanz eines jeden Ökosystems stets individuell und neu betrachten. Je nach vorhandener Marktrelevanz, technologischem Reifegrad und Kundenzugang kann es sinnvoller sein, in bestimmten Ökosystemen eine führende Rolle als Orchestrator zu übernehmen, während man sich in anderen als verlässlicher Teilnehmer einbringt und gezielt Mehrwert aus bestehenden Plattformstrukturen zieht. Dieser differenzierte Rollenansatz erlaubt es Versicherern, sich klar zu positionieren und dabei die eigenen Stärken gezielt einzusetzen.
Ihre Perspektive – Plattform-Ökonomie weitergedacht
Die Plattform-Ökonomie ist kein temporärer Trend, sondern ein struktureller Wandel, der auch in der Versicherungsbranche an Bedeutung gewinnt. Ihre weitere Entwicklung ist eng mit verschiedenen Megatrends verknüpft und eröffnet dabei vielfältige neue Handlungs- und Diskussionsräume.
Vor diesem Hintergrund laden wir Sie gerne zu einem Austausch ein: Welche Erfahrungen haben Sie mit Plattformmodellen gemacht – als Versicherer, Makler oder Dienstleister? Welche Rolle sollte Ihrer Meinung nach ein Versicherer in einem Ökosystem einnehmen? Und: Begreifen Sie die Plattform-Ökonomie eher als Risiko oder als strategische Chance?
Wir freuen uns von Ihnen zu hören!
Autor: Christian Plegge (Manager)
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